KINDERKOMMAZUKUNFT Was tun für die Zukunft unserer Kinder ?!

Bildung für alle – Pauschalisierend und ungerecht

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Eltern arbeitslos, arm und bildungsfern: Wer diesen Hintergrund hat, wird es zu 94 Prozent nicht aufs Gymnasium schaffen.

Einen ähnlichen Befund gab es auch schon Mitte der 60er Jahre. Mit der Konstatierung der Bildungskatastrophe und dem „Hamburger Abkommen“ wurden deshalb Weichen gestellt, die das Schulsystem durchlässiger gestalteten. Anfang und Mitte der 70er Jahre kam es zu weitgehenden Veränderungen des Schulsystems unter dem Motto „Bildung für alle“. Das Schulsystem wurde seitdem immer durchlässiger. Zum Beispiel kann ein Hauptschüler, der einen Notendurchschnitt von 2,0 oder besser hat, direkt aufs Gymnasium wechseln. Schüler mit mittlerer Reife haben verschiedenste Möglichkeiten (berufliche Gymnasien, Berufskolleg, …) eine Hochschulreife zu erlangen.* Diese und andere Veränderungen waren äußerst erfolgreich. In den 70er und 80er Jahren war der Einfluss der sozialen Herkunft auf die Schullaufbahn so gering wie nie zuvor in Deutschland. Nie waren mehr Arbeiterkinder an deutschen Universitäten wie in diesem Zeitraum. So kamen noch 1985  knapp 30 % der Studierenden aus der niederen Bildungsschicht. Heute liegt diese Zahl bei 9 %.

Man kann jetzt entweder fragen: was läuft falsch in der Bildungspolitik von heute?

Oder man stellt die viel provozierendere Frage: Lief es vielleicht schon zu gut in der Vergangenheit?

Ich will dieser Fragestellung nachgehen, weil Antworten auf die erste Frage findet man in tausendfacher Ausführung, wenn man bei Google „Chancengleichheit Bildung“ eingibt.

 

Für die Antwort auf Frage zwei könnte man folgendermaßen argumentieren: Die Bildungsreformen der 70er Jahre waren so erfolgreich, dass in den darauffolgenden Jahrzehnten annähernd jedes Kind, dass die erforderlichen Fähigkeiten besaß, einen höheren Abschluss zu erlangen, dies auch tat. Das würde bedeuten, die Schulabgänger, die ab den 80er Jahren kein Abitur machten, waren dazu schlichtweg auch nicht in Lage. Und zwar nicht, weil sie systembedingt nicht die Chance dazu hatten, sondern weil sie nicht geeignet genug waren. Mit Sicherheit gab es Ausnahmen, aber ich gehe mal davon aus, dass für die Mehrzahl der Schüler diese Hypothese richtig ist. Eignung kann beinhalten: Intelligenz, Fleiß, abstraktes Denkvermögen, Selbstdisziplin, die Bereitschaft auch nach mehrfachen Scheitern (z.B. beim Lösen einer Mathematikaufgabe) nicht aufzugeben. Das bedeutet, den Nichtakademikern seit den 80er Jahren fehlen mehrheitlich diese Eigenschaften. Oder zumindest manche dieser Eigenschaften.

Meine Kinder haben braune Augen, mein Mann nicht, ich schon. Für alle ist klar, die Augenfarbe haben sie also von mir. Meine Tochter heult, wenn etwas schief läuft, sofort los. Mein Mann behauptet, dass sie das von mir haben muss. Ich fürchte er hat recht… Bei allen möglichen Eigenschaften unserer Kinder, gehen wir davon aus, dass sie sie von den Eltern oder sogar von den Großeltern haben. Entweder ist das genetisch bedingt oder durch Prägung. Meine Tochter kann also gar nicht anders als loszuheulen, weil ich auch wegen jeder Kleinigkeit losheule. Wenn so viele verschiedene Eigenschaften von Eltern an ihre Kinder weitergegeben werden, warum dann nicht auch die Eignung, einen höheren Bildungsabschluss zu erreichen? In der aktuellen Debatte der Bildungspolitik ist dieser Aspekt allerdings ein absolutes Tabu. Es wird das Versagen des Schulsystems beklagt, eine Bildungsreform jagt die nächste. Alle verfolgen allerdings den Ansatz: alle Kinder sind gleich und wenn sie nur auf die gleiche Art und Weise beschult werden, dann kommen lauter Akademiker heraus. Längeres gemeinsames Lernen, Gemeinschaftsschulen, Inklusion, Ganztagesschulen sind die Schlagworte, die sich in diesem Zusammenhang gebetsmühlenartig wiederholen. Bisher wird also der Einfluss der Eltern, vor allem der Einfluss durch Vererbung, völlig außen vor gelassen. Ich denke, das liegt daran, dass die Gefahr bestünde, zum Schluss zu kommen, dass bei Kindern von Eltern der unteren Bildungsschicht sowieso jegliche Förderung umsonst ist. Ihre Zukunft wäre ja dann sozusagen von vorne herein genetisch festgelegt.

Was in der Diskussion berücksichtigt wird, ist der Einfluss, den die Eltern durch Prägung und durch ihre Vorbildfunktion haben. Das Rezept, um den Einfluss des Elternhauses zu reduzieren, ist die Ganztagesschule. Das finde ich allerdings eigentlich ganz schön problematisch. Mit Hilfe der Ganztagesschule, sollen die Kinder dem Einfluss der Eltern entzogen werden. Erstens hört sich das für mich ganz schön nach Kindererziehung in totalitären Systemen an. Diverse Staaten versuchten und versuchen auch hier, die Kinder dem Einfluss ihrer womöglich regimekritischen Eltern zu entziehen. Zweitens gibt es sicherlich auch Eltern und auch Familien als Ganzes, die einen sehr positiven Einfluss auf ihre Kinder haben. Wer entscheidet, welche Eltern ihre Kinder selbst erziehen dürfen und welche dies der Schule/ dem Staat überlassen dürfen? Und nach welchen Kriterien? Vielleicht erhalten Kinder, die nur zum Abendessen zu Hause sind, an ihrer Ganztagesschule das bessere Bildungsangebot. Aber erfahren sie auch dieselbe emotionale Einbindung in eine familiäre Struktur?

Also, was sind Konsequenzen für mich?

Erstens: Auch ungebildeten Eltern sollte zugestanden werden, dass sie ihre Kinder selbst erziehen dürfen. Das ist ein Statement gegen eine verbindliche Einführung der Ganztagesschule.

Zweitens: Die Tabuisierung des genetischen Einflusses der Eltern lenkt die Debatte in eine einseitige Richtung. Die daraus resultierenden Bildungsreformen haben das Problem bisher alle nicht gelöst, sie sind teuer und senken oft das Gesamtniveau ab. Das zeigen PISA-Studien usw. die letzten Jahre immer wieder aufs Neue. Ein ehrlicher Umgang würde andere Herangehensweisen ermöglichen. Es gibt genügend Berufe, in denen akademische Fähigkeiten nicht wichtig sind. Kinder, deren Stärken nicht im abstrakten Denken und Ähnlichem liegen, könnten speziell auf diese Berufe vorbereitet werden. Es gäbe Möglichkeiten solchen Berufe eine größere Wertschätzung zukommen zu lassen. Im Moment passiert leider las Gegenteil. So ist es ein Ziel grüner Bildungspolitik in Baden-Württemberg, dass mindestens 60 % aller Schulabgänger einen Hochschulzugang erhalten und anschließend studieren gehen. Für verschiedene Berufe, die früher ein Ausbildungsberuf waren, wird jetzt ein Studiengang eingeführt. So studieren Kindergärtnerinnen heutzutage „Elementarbildung“, auch für Pflegekräfte gibt es Bestrebungen, ein Studium einzuführen. Selbst für verschiedene Handwerksberufe, gibt es die Möglichkeit ihr Handwerk zu studieren anstatt eine berufliche Ausbildung zu absolvieren. All das vermittelt sowohl Kindern, Eltern als auch Pädagogen, dass nur der Weg über das Abitur und die Hochschule, ein beruflich erfolgreiches Leben verspricht.

Solange die Qualität unseres Bildungssystems darauf reduziert wird, wie viele Akademiker es hervorbringt, wird es Menschen, die den dazu erforderlichen Ansprüchen nicht genügen, nicht gerecht. Die Art, wie im Moment über das Thema diskutiert wird, diskriminiert also Kinder, die diesen Weg nicht gehen können, weil nicht akzeptiert wird, dass es diese Kinder gibt. Und weil andere Fähigkeiten, wie soziale oder praktische Kompetenzen nicht dieselbe Wertschätzung erfahren wie intellektuelle Kompetenzen.

Eine Gesellschaft, die nur auf akademische Fähigkeiten setzt, ist keine gute Gesellschaft. Eine Gesellschaft braucht eine gesunde Mischung aller Kompetenzen.

* Das ist zumindest in Baden-Württemberg so.

 

https://www.bertelsmann-stiftung.de/de/presse/pressemitteilungen/pressemitteilung/pid/bildungschancen-stark-abhaengig-von-sozialer-herkunft-und-wohnort/

http://daserste.ndr.de/beckmann/sendungen/Chancengleichheit-Zahlen-und-Fakten,zahlenundfakten100.html

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