KINDERKOMMAZUKUNFT Was tun für die Zukunft unserer Kinder ?!

Blind in den Sturm und besonnen in die Zukunft

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Wer verstehen will, wie in Deutschland Politik gemacht wird, muss das neue Buch „Die Getriebenen“ vom Journalisten Robin Alexander lesen (oder hören, gibts auch als Audio-Version). Am Beispiel des wohl dramatischsten Kapitels der jüngeren deutschen Geschichte, der Flüchtlingskrise, deckt er auf, welche Motive und tatsächlichen Gründe hinter politischen Schlüsselentscheidungen stehen.

Robin Alexander verschafft uns also einen tiefen Einblick in die Flüchtlingspolitik zwischen dem 5. September 2015, dem Tag der sogenannten Grenzöffnung bis zum 18.März 2016, dem Tag des In-Kraft-Tretens des EU-Türkei-Abkommens. Anhand einer minutiös geführten, sachlich erläuternden Recherche klärt er auf, warum was wie passiert ist bzw. passieren konnte. Warum wer wie gehandelt hat bzw. zum Handeln gezwungen wurde durch die Machenschaften eines Anderen.

Ein Sachbuch, dass sich wie ein Krimi liest. Nach einer wahren Begebenheit. Spannend und aufschlussreich.

Erstmal war ich überrascht, dann schockiert und dann hat es mich ins Grübeln gebracht. Damit habe ich den eigentlichen Wert dieses Buchs erkannt. Ich finde, es ist die Gelegenheit ein „Follow Up“ zu machen. Das ist jetzt Unternehmenssprache aber genau das machen meine Kollegen und ich nach dem Abschluss eines Projekts. Mit etwas Abstand betrachten wir das Ergebnis und überlegen gemeinsam, was war gut, was war schlecht. Sachlich und objektiv, frei von Emotionen (man bekriegt sich auch gerne mal in der heißen Phase). Mit dem Ziel: Wie können wir es in Zukunft besser machen?

Dass „Das Projekt“ Flüchtlingskrise mit der Schließung der Balkanroute und dem EU-Türkei-Abkommen nicht beendet ist, muss allen klar sein. Trotzdem bzw. genau deswegen sollte man mal zurückblicken und ein Resumee der „heißen Phase“ ziehen.

Blind in den Sturm

Vermeintlich blind in den Sturm sind wir da hineingeraten, in die heiße Phase Ende 2015/ Anfang 2016. Obwohl Experten seit Jahren auf den akuten Wanderungsdruck in der afrikanischen und arabischen Bevölkerung hinweisen. Sozialgeografische Fachleute sind schon lange in der Lage, diesen Wanderungsdruck sehr genau zu beziffern. Im arabischen Raum werden 23 Prozent der Bevölkerung als auswanderungswillig eingeschätzt, in Afrika unterhalb der Sahara etwa 37 Prozent. In absoluten Zahlen sind dies derzeit rund 350 Millionen wanderungswillige Menschen, überwiegend junge Männer. Bis 2050 wird sich deren Zahl auf rund 950 Millionen erhöhen. Diese Zahl steht einer ebenfalls für das Jahr 2050 prognostizierten europäischen Bevölkerungshöhe von 540 Millionen gegenüber, ein Drittel davon wird schon über 60 Jahre alt sein.

Das ist enorm und auch wenn wir bereit sind, noch viele Menschen mehr hier aufzunehmen, anhand dieser Zahlen wird für jeden klar: Das wird so nicht klappen. Wir brauchen eine Strategie. Kurzfristig, mittelfristig und langfristig.

Vorgestern waren wir auf einer Podiumsdiskussion zwischen dem Author des Buchs und dem Migrationsforscher und ESI-Vorsitzenden Gerald Knaus. Die ESI (Europäische Stabilitätsinitiative) ist ein Verein, der die Bundesregierung in Flüchtlingsfragen berät. Interessant zu wissen, dieser Verein hat das EU-Türkei-Abkommen für die Bundesregierung entworfen, den sogenannten „Merkel-Plan“ – ein Beispiel für eine kurzfristige, erfolgreiche wenn auch umstrittene Maßnahme. Das Abkommen im Zusammenspiel mit der Schließung der Balkanroute hat das Sterben in der Ägäis und den Flüchtlingsstrom im letzten Jahr stark reduziert.

Neben dieser bereits durchgeführten und wie gesagt in ganz Deutschland sehr kritisch wahrgenommenen Maßnahme wurden auch weitere Ideen diskutiert und aus Expertensicht beleuchtet.

Maßnahme 1:

Die eigentlichen Fluchtursachen werden bekämpft, die Auswanderungswilligkeit sinkt automatisch.

Einzuordnen als eine langfristige unabdingbare Maßnahme, dabei waren sich Alexander und Knaus einig. Bis 2050 würde das allerdings keinen rückläufigen Einfluss auf den Flüchtlingsstrom nehmen. Dafür müsse man wissen dass es sich bei den Menschen, die sich heute zu uns auf den Weg machen nicht um die Ärmsten der Gesellschaft handle die sich die kostspielige Reise nämlich garnicht leisten könnten. Es seien Menschen aus der mittleren Schicht, noch im Besitz von Ressourcen im Sinne von Geld und Kontakten ins Ausland. Die kleinen (dadurch realistischen und nachhaltigen) Schritte in der (unterstützten) Entwicklung ihres Heimatlandes würden diese Schicht nicht vom Auswandern abhalten. Im Gegenteil, durch die Verbesserung der Lebensumstände würde es in den nächsten Jahren noch mehr Menschen „mit Ressourcen“ geben, die den Weg nach Europa suchten.

Das macht Sinn, finde ich, war mir aber so noch nicht bewusst. Nichtsdestotrotz muss man dringend die Entwicklungshilfe weiter ausbauen, aber eben wissen dass das aktuell keine Lösung für unser Problem hier darstellt. Und eben auch keine Lösung für die Menschen die heute aufbrechen mit der Hoffnung auf ein besseres Leben.

Maßnahme 2:

Mehr Unterstützung vor Ort in den Krisengebieten.

Eine kurzfristige Maßnahme um die Lebensumstände speziell auch in den Flüchtlingslagern rund um die Krisengebiete sofort zu verbessern. Unterstützung vor Ort kommt vor allem den Ärmsten der Gesellschaft zugute. Der UNHCR, das Flüchtlingshilfwerk der Vereinten Nationen wird beispielsweise in diesem Jahr mit 307 Millionen von Deutschland unterstützt. Insgesamt werden jährlich rund 7 Milliarden des deutschen Haushalts in Entwicklungshilfe investiert. Reicht das? Nein. Hier gehts zu deiner Spende!

Maßnahme 3:

Ein Flüchtlingsabkommen mit den westafrikanischen Staaten.

Wenn auch umstritten, das EU-Türkei-Abkommen hält bis heute und erfüllt seinen Zweck. Nachdem der Flüchtlingsstrom über die Balkanroute damit eingedämmt wurde, bleibt der Flüchtlingsstrom von Afrika über das Mittelmeer nach Italien unverändert stark. Dazu ein Statement von Knaus (inhaltlich wiedergegeben, das Diktiergerät hatte ich gerade nicht zur Hand): „Auch wenn es uns nicht gefällt, dieser Deal war unausweichlich. Wir müssen zukünftig noch viele solcher Deals machen z.B. mit den westafrikanischen Staaten. Nur so kann man den anhaltenden Flüchtlingsstrom stoppen und das Sterben im Mittelmeer beenden. Die Symbolkraft des Deals ist das Entscheidende. Es machen sich dadurch deutlich weniger Flüchtlinge auf den lebensgefährlichen Weg.“

Das waren nur drei von vielen Gedanken über eine Strategie in der Zukunft.

Besonnen in die Zukunft

Statt uns also weiter die Köpfe einzuschlagen, fangen wir an zu überlegen wie wir das zukünftig angehen können. Gemeinsam. Mit Besonnenheit. Sachlich und objektiv. Lösungsorientiert, bereit für Kompromisse. Einfach wird das nicht. Aber absolut unumgänglich für die Zukunft unserer Kinder.

Der erste Schritt ist ein Blick zurück zu wagen und die Ereignisse und sich selbst zu reflektieren. Dafür empfehle ich dieses Buch. Ich verleihe auch gerne mein Exemplar und auch gerne die Audio-Variante (So habe ich dafür das Interesse meines lesefaulen Herrn Ehemanns entfacht).

Für die, die keine Zeit haben für ein sauspannendes Buch aber trotzdem mehr wissen wollen: Kommenden Dienstag findet im Urania am Ku’damm eine Lesung von Robin Alexander mit anschließender Frage- und Diskussionsrunde statt.

Dienstag, 27.Juni 2017, 17.30 Uhr

Urania Berlin e.V., An der Urania 17, 10787 Berlin

http://www.urania.de/merkel-und-die-fluechtlingspolitik-report-aus-dem-inneren-der-macht

 

 

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4 comments

  • leider ist es mal wieder so, dass Bücher zum Verständnis zwar existieren (Meinungsfreiheit), aber nur von einer sehr sehr kleinen Minderheit gelesen werden und deshalb nur sehr sehr wenig bewirken. Schade. Woran liegts?

    • Der Artikel im Cicero empfehle ich auch, Afrika mal aus einer anderen Perspektive beleuchtet. Das erinnert mich übrigens an einen Vortrag auf einer Einrichtungsmesse Anfang des Jahres. Die Colour Trends des Jahres 2017/2018 wurden präsentiert. Farb Trend #One ist „New Africa“ – inspiriert vom aufstrebenden Afrika. In leuchtenden Farben beschrieb der Farbexperte den Kontinent als innovativ, modern und energetisch und schwärmte von der afrikanischen Designszene. Meine erste Reaktion: Was redet der da, guckt der keine Nachrichten?
      Tatsächlich gibt es einfach mehrere Realitäten. Kindersoldaten auf der einen und efolgreiche Designers auf der anderen Seite.

      Ich stimme Beatrix zu, wenn die Lösung denn so einfach wäre… lest den Artikel!

By Jante
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