KINDERKOMMAZUKUNFT Was tun für die Zukunft unserer Kinder ?!

Einsamkeit – ein Megatrend

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Ich hatte letztes Jahr donnerstags in der großen Pause Pausenaufsicht. Es spielen, reden, streiten, lachen und rennen etwa 1000 Schüler auf dem Schulhof. Und inmitten dieses lauten, wilden Getümmels saß jedes Mal ein Mädchen auf einer der Sitzgelegenheiten und aß ihr Pausenbrot. Sie spielte, redete, stritt, lachte und rannte nicht. Sie saß da einfach nur alleine. Dieser Anblick hat mir jedes Mal fast das Herz gebrochen. Müsste ich den Begriff Einsamkeit in einem Bild darstellen, hätte ich genau dieses Mädchen fotografiert, das einsam und gleichzeitig umgeben von gleichaltrigen Kindern und Jugendlichen war.

Ich habe mir auch vorgestellt, wie es sich für die Eltern des Mädchens anfühlen würde, ihre Tochter so zu sehen. Meine eigenen Kinder gehen noch nicht zur Schule, aber ich frage mich, ob und wie ich verhindern kann, dass sie später mal zum Außenseiter werden. Dass man sich mal einsam fühlt, gehört sicherlich zum Leben dazu. Aber Einsamkeit als Dauerzustand – das würde ich meinen Kindern gerne ersparen.

Der Gehirnforscher Manfred Spitzer1 geht in seinem Buch „Einsamkeit“ den Auswirkungen und Ursachen von Einsamkeit auf den Grund. Einsamkeit macht nicht nur unglücklich, sondern auch krank und stressanfällig. Die Cortisolausschüttung im Blut ist ein guter Indikator um Stress zu messen. In Versuchen wurden Menschen Stresstests unterzogen. Es zeigte sich sehr deutlich, dass Menschen, die sich gut in ein soziales Netzwerk integriert fühlten, die niedrigeren Cortisolwerte hatten.

In anderen Versuchen wurden Menschen Schmerzen zugefügt. Währenddessen wurden ihnen Fotos von Familienangehörigen gezeigt und Fotos von fremden Menschen. Während sie die Fotos von ihnen nahestehenden Menschen sahen, konnten die Probanden stärkere Schmerzen ertragen. Für diverse Krankheiten wie Krebs, Bluthochdruck und natürlich auch psychische Leiden wurde ein enger Zusammenhang zwischen dem Ausmaß der sozialen Integration und dem Auftreten der Krankheit festgestellt. Laut Spitzer werden einsame Menschen häufiger krank und sterben früher.

Für Spitzer ist das Leben im Singular, also als Einzelner, aber nicht etwas, was nur wenige Menschen betrifft. Einsamkeit ist für ihn ein zunehmendes Phänomen. Er bezeichnet Einsamkeit sogar als Megatrend. Der Trend zum Alleinsein betrifft für Spitzer nahezu alle Bereiche des Lebens. So seien heute fast 50% der Haushalte Singlehaushalte und immer weniger Menschen leben in einer klassischen Familie (Eltern mit einem oder mehreren Kindern).

Die zunehmende Individualisierung – also jeder entwirft sein eigenes individuell auf ihn zugeschnittenes Lebenskonzept, trägt hierzu sicherlich maßgeblich bei. Umso stärker der Fokus darauf liegt genau den Weg zu gehen, der maßgeschneidert auf mich passt, desto schwieriger ist es den passenden Partner zu finden. Auch andere Gemeinschaften wie Vereine, Kirchen oder Parteien verlangen immer, dass man Kompromisse eingeht und Abstriche von den eigenen Vorstellungen macht. Alle diese Institutionen haben in den letzten Jahren rückläufige Mitgliederzahlen. Viele Menschen glauben zwar beispielsweise nach wie vor an Gott. In der Institution Kirche finden sie sich aber nicht vollständig wieder. Deshalb treten sie aus der Kirche aus. Früher gab es sicherlich auch innere Konflikte mit der Institution Kirche. Der Wunsch trotzdem dieser Gemeinschaft anzugehören, hat aber meist überwogen.

Als weiteren bestimmenden Faktor nennt Spitzer die zunehmende Mediatsierung. Neben den neuen Medien befeuere auch ein altes – nämlich das Fernsehen – die Einsamkeit vor allem junger Menschen. Wenn ich mich früher unterhalten lassen wollte, bin ich in eine Kneipe. Heute setze ich mich vor den Fernseher. Verschiedene Studien ergaben einen Zusammenhang zwischen erlebter Einsamkeit und der Nutzung sozialer Online-Netzwerke. Zwar wird mit Hilfe von Facebook und Co. die Anzahl der sozialen Kontakte oft erhöht. Die Qualität der Kontakte nimmt aber im Normalfall ab. 500 virtuelle Freunde im Netz ersetzen nicht den einen Freund, der mich in den Arm nimmt und mit mir durch Dick und Dünn geht.

Umso mehr Zeit Jugendliche im Netz oder am Fernsehen verbringen, desto weniger Zeit bleibt ihnen für reale Kontakte. Laut Spitzer muss Mitgefühl und die Fähigkeit, sich in andere hinein zu versetzen, genauso erlernt werden wie z.B. Sprache. Verschiedene Studien ergaben, dass diese Kompetenzen in den letzten Jahrzehnten abgenommen haben. Gleichzeitig haben narzisstische Wesenszüge zugenommen. So stimmten z.B. der Aussage „Ich bin eine bedeutende Person“ Anfang der 50er Jahre nur 12% der 14- bis 16Jährigen zu. Heute liegt dieser Wert bei etwa 80%. Für Spitzer liegen die Gründe einerseits darin, dass wir weniger Zeit in Gemeinschaft verbringen. Andererseits führt er als Grund einen sogenannten permissiven Erziehungsstil auf. Was immer die Kinder tun – sie sind die Größten und bekommen das auch permanent gesagt. Was dabei herauskommt, sei mittlerweile auch wissenschaftlich gut untersucht: selbstverliebte, wenig am Wohlergehen anderer interessierte junge Erwachsene.

Auf der anderen Seite gibt es eine Vielzahl an Studien, die zeigen, dass Menschen, die anderen Menschen helfen, besonders glücklich sind und sich seltener einsam fühlen.

Was können wir also tun, um unseren Kindern so eine Situation, wie sie das Mädchen auf dem Pausenhof täglich erlebt, zu ersparen? Die Zeit, die sie am Fernseher und bei social Media verbringen reduzieren. Dafür die Zeit, die sie in Gemeinschaft verbringen erhöhen. Wir sollten ihnen zeigen, also vorleben, dass Geben und Teilen glücklich macht. Packen wir sie also in den Fußballverein, schicken sie zu freiwilligen Feuerwehr und nehmen ihnen das Handy ab…

1 Spitzer, Manfred: Einsamkeit – die unerkannte Krankheit. 2018. Droemer Verlag

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By Dag
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