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Globalisierung versus Vielfalt. Wird die Welt in Zukunft homogener und ein bisschen langweiliger sein?

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Alle Welt redet von „Diversity“. Diversität gilt als positiver weil bereichernder Nebeneffekt einer globalen Welt. Globalisierung bedeutet allerdings auch Vermischung, Vereinheitlichung und stellt damit das genaue Gegenteil von Vielfalt dar.

Beschreiben wir erst den Begriff. Diversität meint vielfältige Lebens- und Erscheinungsformen. Im System der Natur heißt das Biodiversität, und man versteht die Vielfalt der Tier- und Pflanzenarten, der Tier- und Pflanzenrassen darunter.

Den Menschen betreffend, was verstehen wir hier darunter? Was bedeutet hier Vielfalt? In erster Linie die verschiedenen Kulturen, Nationen, Populationen. Populationen, die eine Zeit miteinander gelebt haben, sind natürlich auch irgendwann eine genetische Gemeinschaft, nennen wir es Ethnie, Volk oder Volksstamm im althergebrachten Sinn.

Warum ist Diversität positiv besetzt?

In der Natur:  Biodiversität, ein Wert an sich

Diversität als Biodiversität im natürlichen System, in der Natur, ist als Wert einfach und allgemein anerkannt, wird nicht bezweifelt. Biodiversität gilt als Ziel bei der Bewahrung unserer Umwelt, der Nachhaltigkeit.

Einmal gilt das Verlustprinzip. Die Erhaltung, die Vermeidung des Verlusts reicht als Begründung. Die Erhaltung einer gefährdeten Art, z. B. des Nördlichen Breitmaulnashorns, oder des Großen Pandas wird  mit erheblichem Aufwand betrieben, um der Welt den Verlust zu ersparen. Ungefragt, ob das Breitmaulnashorn jemandem nützt, ob der Aufwand einem anderen Zweck der Menschheit besser dienen würde. Da sind sich Völker und Gesellschaftssysteme über die Welt verteilt erstaunlich einig. Den letzten drei Exemplaren des Nördlichen Breitmaulnashorns versuchen Europäer und Afrikaner mit modernen Techniken, wie Embryotransfer und künstlicher Besamung, zur Vermehrung zu verhelfen. Die chinesische Regierung verfolgt ein sehr aufwendiges Programm zur Erhaltung des Großen Panda. Przewalski-Pferde, die letzte überlebende echte Wildpferdeart, wird als europäisch/russisch/mongolische Gemeinschaftsaufgabe  mit einem ausgeklügelten Zuchtprogramm in Zoos gezüchtet und inzwischen auch wieder in ihrer Heimat in der Steppe ausgewildert. Alles um ihrer selbst willen, um die Vielfalt zu erhalten und „unwiederbringlichen Verlust“ zu vermeiden.

In der Pflanzenwelt sehen wir das gleiche. Als Folge der Globalisierung ist es unvermeidbar, dass Pflanzenarten über die Kontinente verteilt wurden und werden, dort teilweise sehr gut Fuß fassen und zur Konkurrenz für einheimische Pflanzen werden. Die Hanfpalme verdrängt im Tessin den heimischen Wald, der europäische Blutweiderich wird zur Plage in Nordamerika, das südamerikanische Springkraut wächst wahrhaft  flächendeckend in deutschen Wäldern und Flussauen.   Mit der Globalisierung wird die Pflanzenwelt, meint der Biologe Mark van Kleunen,  „in Zukunft homogener und ein bisschen langweiliger.“  Um weltweit bedrohte Tiere und Pflanzen zu schützen, haben die Vereinten Nationen das  Jahr der biologischen Vielfalt aus der Taufe gehoben. Die UNESCO hat ein eigenes Programm, „um die genetische Vielfalt, den Artenreichtum und die Funktionsfähigkeit von Ökosystemen zu erhalten.“ Naturschutzverbände treten an zur Bekämpfung der Zuzügler, ihre Mitglieder rücken aus in die Wälder um Neophyten (zugewanderte Pflanzenarten) auszurupfen. Damit diese nicht die einheimischen Arten verdrängen und die Biodiversität nicht leide. Ebenfalls hier Maßnahmen ohne Ziel eines direkten Nutzens, außer dem Schutz der Vielfalt. Denn Gruppen mit gemeinsamen, erworbenen und abgegrenzten Eigenschaften und eines gemeinsamen Genpools  (Arten, Rassen) gelten als solche wertvoll und schützenswert.

Nutzen der Biodiversität, des Artenreichtums

Zum Wert an sich kommen natürlich Hoffnungen und Erwartungen auf praktischen Nutzen der Vielfalt einerseits und Befürchtungen durch Verluste von Arten andererseits. Tier und Pflanzenarten, angepasst an extreme Umweltsituationen, lebend in speziellen ökologischen Nischen, haben Eigenschaften erworben, die dem biologischen System einmal fehlen können und dem Menschen auf der Suche nach neuen Ressourcen. Man denke an Kartoffelsorten mit Anpassung an trockene Umgebung, den Ideenklau des Sehvermögens von Nachtfaltern für technische Zwecke, spezielle Programme zur Erhaltung alter Haustierrassen – einerseits als Kulturgut, andererseits um eventuell in der Zukunft auf ihre Eigenschaften zurückgreifen zu können. Ein Argument für die Bewahrung des Regenwaldes lautet, dass der Menschheit ein Schatz an potenziellen pflanzlichen Arzneien unwiederbringlich verloren gehen würde.

Diversität, Vielfalt des Menschen

Nun zum Menschen. Auch hier sind Vielfalt und „bunt“ positiv besetzt. Nur, man vergisst, dass es Vielfalt und Bunt nur geben wird, wenn die verschiedenen Kulturen erhalten bleiben. Durch Zusammenschütten in einen Topf geht logischerweise die Besonderheit der Gruppen, und damit die Vielfalt, verloren.

Was könnte der Wert der Vielfalt von menschlichen Kulturen und Populationen, Völkern, sein? Wenn man die Vielfalt ernst nimmt und nicht als Synonym von Multikultimix  innerhalb einer Gesellschaft?

Da gibt es den alten Spruch: „Reisen bildet“.  Dazu gehörend: Reisen macht Spaß. Aber das tut es nur, wenn dem Reisenden Neues begegnet. Das wird fantastische neue Landschaft sein, aber viel wesentlicher, eine neue unbekannte Kultur und Kunst, neue Art des Zusammenlebens, der Ressourcenbeschaffung, des Umgangs mit Vergangenheit und Zukunft der Menschen im Reiseland. Und hierbei gilt: je exotischer und fremder, umso interessanter. Wahrscheinlich der Grund, warum die Vergangenheit eines Volkes für viele reizvoller ist als die Gegenwart des gleichen Volkes. Ich erinnere mich an Reisen nach Südkorea und China, wo für die Mitreisenden  auch der 20. Tempel oder Palast noch eine Anstrengung wert war. Das unserem Leben relativ angeglichene tägliche Leben der Menschen dort heute war es eher weniger. Das Stadtbild von Seoul ähnelt dem von Frankfurt, da war die Architektur aus der Vergangenheit fremder, attraktiver.

Also, anregend, bereichernd empfinden wir das Fremde, und begeistern uns daran. Vielleicht auch ein Grund für das Erhalten als Wert als solcher?

Aber auch hier lässt sich Nutzen anführen. Das Erleben anderer Kulturen/Bevölkerungen/Ethnien führt natürlich auch zum Vergleich mit der eigenen Lebensweise. „Reisen bildet“. Ich kann lernen von dem Fremden. Ich kann lernen, was vielleicht nachahmenswert oder auch weniger nachahmenswert ist, vielleicht herausfinden, welches die Folgen dieser oder jener Lebensweise sind. Ich kann auch das Denken der Menschen besser verstehen lernen, wenn ich sie in ihrer Umgebung kennenlerne, in der sie dieses Verhalten entwickelt haben. Das möchte ich Bereicherung nennen. Offensichtlich suchen wir dafür das möglichst Fremde. Die Bereicherung gilt natürlich auch andersherum, auch der Gast gibt dem Gastgeber zu denken.

Diversität ist auch für menschliche Daseinsformen wertvoll und wünschenswert. Jede Kultur hat ihre eigenen Errungenschaften und Leistungen erreicht.  Vielfalt gibt, fördert und initiiert einander.

Kommen wir zum Erhalt dieser Diversität. Es gilt gleiches wie für deren Bewahrung in der Natur. Es ist eine Weile her, dass sich der Mensch als außerhalb der Natur, nämlich als Krone der Schöpfung, betrachtete. Die Naturwissenschaft hat inzwischen, doch die meisten Menschen überzeugend, herausgefunden, dass wir schlicht und komplett ins System der Natur gehören. Und es gibt ja auch die schwärmerischen Aussprüche, „Teil der Natur“ zu sein, sich mit möglichst natürlichen Dingen zu umgeben und zu ernähren.

Wenn der Wert der Vielfalt in natürlichen Systemen anerkannt wird, so gilt dies für die Vielfalt menschlicher Lebensweisen auch. Dazu gehört logischerweise auch der Erhalt der eigenen Kultur.

Mit Namen genannt, ich als Bürger dieses Landes denke dabei an die deutsche Kultur im Verbund mit der Europäischen. Auch diese hat einzigartige Errungenschaften, ist ein wertvoller Beitrag zur Vielfalt des Menschseins. Und lässt Reisende staunen und denken.  

Vielfalt versus Globalisierung und unbegrenzter Migration

Was ungebremster Austausch bewirkt, ist an den Orten festzustellen, die es am meisten betrifft: in den Großstädten der Welt. Sie sind sich weitgehend ähnlich geworden, so gleichförmig, dass sie für den Reisenden an Interesse verlieren und dem viel besungenen Weltbürger, dem Bürger der Zukunft, in London, in Seoul, in Seattle, in Berlin ein nahezu gleiches gewohntes Zuhause bieten.

Vielfalt entsteht eben nicht durch Globalisierung, sondern Vielfalt braucht Räume, braucht Schutz, braucht Grenzen. Dies gilt universell. Die Idee der „Buntheit“ innerhalb von Gesellschaften und der Verzicht auf Grenzen führen schlussendlich zum Verlust der Vielfalt.

Der Migrationsforscher Paul Collier drückt es so aus: „Das heutige Tempo [der Immigration] und die Ausschließlichkeit birgt die Gefahr der Auslöschung der Vielfalt.“  Oder, um das Zitat vom Biologen Mark van Kleunen im übertragenen Sinne zu verwenden, dann „wird die Welt in Zukunft homogener und ein bisschen langweiliger sein.“.

Wollen wir das?

Diese Frage müssen wir uns stellen angesichts der weltweiten aber auch der nationalen Situation. Natürlich gibt es auch Argumente, die gegen den Erhalt der Verschiedenheit der Kulturen und Völker sprechen. Dieses Spannungsfeld möchte ich nicht verschweigen und werde darauf in einem späteren Artikel eingehen.

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Gastautorin Dr. Beatrix Sommer-Locher

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