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Lohngerechtigkeit per Gesetz? Das neue Entgelttransparenzgesetz.

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Seit dem 6. Januar haben wir Frauen einen Anspruch darauf zu erfahren, was unsere männlichen Kollegen für die gleiche oder gleichwertige Arbeit verdienen. Dieses Auskunftsrecht haben wir dem neuen Entgelttransparenzgesetz zu verdanken. Wie genau funktioniert es und wie soll es zukünftig für mehr Gerechtigkeit bei der Bezahlung sorgen?

Frauen verdienen 21% weniger als Männer. Wirklich?

Wie ein Damoklesschwert schwebt diese Zahl über uns, seit Martin Schulz sie im SPD – Wahlkampf zur Kampfansage machte. Mein Freund Sam nennt diese Zahl dagegen reinen Populismus. Woher kommen die 21% denn überhaupt?

Erhoben hat den sogenannten Gender Pay Gap, also die Lohnlücke zwischen den Geschlechtern, das Statistische Bundesamt. Die Wissenschaftler haben den durchschnittlichen Bruttostundenlohn von angestellten Männern und Frauen berechnet und dann verglichen. Dabei fassen sie alle Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen zusammen, unabhängig von Beruf, Alter und Qualifikation. Während ein Mann im Jahr 2016 durchschnittlich 20,71 Euro pro Stunde verdiente, waren es bei einer Frau nur 16,26 Euro. Das sind 21% weniger.

Was sich aus diesen Werten nicht herauslesen lässt: Männer und Frauen üben nicht zu gleichen Teilen die gleichen Tätigkeiten aus. Auch unterscheiden sich Berufserfahrung, Bildungsgrad und der Anteil von Teilzeitjobs je nach Geschlecht. Diese sogenannten „strukturellen Unterschiede“ haben jedoch einen maßgeblichen Einfluss auf die Statistik. Das Statistische Bundesamt errechnet deshalb alle vier Jahre einen bereinigten Wert, zuletzt war das im Jahr 2014. Zieht man die strukturellen Unterschiede ab, fallen auch rund zwei Drittel der Gehaltsdifferenz weg.

Der Gender Pay Gap beträgt also bei Angestellten mit gleichen Qualifikationen und der gleichen Tätigkeit statt der populären 21% „nur“ noch etwa 6%. Das Institut der deutschen Wirtschaft spricht gar von nur 2%.

Um dieser Diskriminierung entgegenzuwirken, wurde das Entgelttransparenzgesetz geschaffen. Sind lächerliche zwei bis sechs Prozent das wert? Nach dem kleinen Rechenbeispiel kann man dieses Gesetz berechtigterweise in Frage stellen.

Ich habe mir mal den Spaß erlaubt und unter http://www.lohnspiegel.de Gehaltsvergleiche angestellt. Gleiche Qualifikation und Tätigkeit, anderes Geschlecht. Egal ob Erzieher/in oder Wirtschaftsprüfer/in, man landet immer bei einem Bruttogehaltsunterschied von minimum 100 Euro. Das ist doch schon verwunderlich.

Kommen wir zurück zu den zwei bis sechs Prozent. Wichtig zu bedenken, es handelt sich hier um einen Durchschnittswert. Und wie das so ist mit Durchschnittswerten, sie zeigen uns eine Tendenz auf, spiegeln aber selten die Realität wieder. Während in tariflich geregelten Berufsgruppen der Gender Pay Gap gleich null ist, kann er bei außertariflich bezahlten Jobs oder Führungspositionen viel höher liegen. Dazu habe ich ein passendes Beispiel: Mein Kollege verdiente im letzten Jahr 30% mehr als ich, bei gleicher Qualifikation und Tätigkeit. Das ist doch mal ein echter Gender Pay Gap, oder nicht?

Im Vergleich zu anderen Ländern sind Gehälter in Deutschland ja ein absolutes Tabuthema und wäre mein Kollege nicht so ein netter Kerl gewesen und ich nicht so dermaßen indiskret, wüsste ich heute noch nicht, wo ich mich im Gehaltsgefüge befinde. Genau das will das neue Gesetz zukünftig ändern.

Entgelttransparenzgesetz, wie’s funktioniert.

Das Gesetz will im ersten Schritt die Transparenz von Gehältern verbessern, so Lohnungerechtigkeiten aufspüren und einen gewissen Druck aufbauen. Im zweiten Schritt soll es zu mehr Bewusstsein über Entgeltregelungen, Entgeltstrukturen und Lohnfindungsprozessen führen. Was sind die Stellschrauben, wie kommt mein Gehalt überhaupt zustande?

Wie genau man sein individuelles Auskunftsrecht nutzen kann, exerziere ich hier am eigenen Beispiel mal durch: Auf der Seite des BMFSJ (Bundesministerium für Familie, Frauen…) wird mir ein Vordruck für meine Anfrage zur Verfügung gestellt. Der empfiehlt sich, denn mit der einfachen Frage an meine Chefin „Wie viel verdienen meine Kollegen Max M. und Tom T.?“ käme ich nicht weit. Der Antrag muss schriftlich beim Betriebsrat (da in meinem Fall nicht vorhanden, bei der Personalabteilung) gestellt werden und beinhaltet einige wichtige Angaben bzw. Einschränkungen. Ich muss z.B. die Tätigkeiten definieren, die ich mit meinen eigenen für gleich oder vergleichbar halte. Außerdem darf ich maximal zwei „Zulagen“, die auf Gehälter gezahlt werden, erfragen. Das wären Dinge wie Bonus, Firmenwagen, Mietzuschuss usw. In Anbetracht der Tatsache, dass hier meist die Musik spielt, wundere ich mich über die Begrenzung. Ich frage mich, wie konkret die Auskunft meines Arbeitgebers am Ende eigentlich sein kann.

Tatsächlich ist es so, dass ich nur erfahren werde, was vergleichbare männliche Kollegen im Durchschnitt hochgerechnet auf eine Vollzeittätigkeit verdienen. Ich würde also nicht mehr als ein Mittelwert des Gehalts meiner Kollegen in Erfahrung bringen.

Das Auskunftsrecht gilt übrigens nur für Frauen (und Männer!!), die in einem Betrieb mit mindestens 200 Angestellten arbeiten und mindestens sechs Kollegen des jeweils anderen Geschlechts haben, die einen gleichwertigen Job ausüben. Außerdem ist unklar, was daraus folgt, wenn eine Frau tatsächlich weniger bekommt als ihre männlichen Kollegen. Der Arbeitgeber ist in diesem Fall nicht verpflichtet, ein höheres Gehalt zu zahlen. Die Arbeitnehmerin müsste ihren Arbeitgeber also verklagen. Das stell ich mir nicht so prickelnd für die zukünftige Arbeitsbeziehung vor.

Mein Fazit: Aufwand und Nutzen stehen in einem ziemlich ungünstigen Verhältnis. Ich würde mich wahrscheinlich immer für den direkten Weg entscheiden und meinen Kollegen unangenehme Fragen stellen. Für Frauen, die einen diskreteren Weg wählen möchten, bietet das Gesetz eine neue Möglichkeit. Vorausgesetzt natürlich sie haben sechs männliche Kollegen und arbeiten in einem Unternehmen mit mehr als 200 Angestellten.

Schafft dieses Gesetz mehr Lohngerechtigkeit?

Als ich diesen Artikel angefangen habe zu schreiben, hatte ich eine andere Meinung zu diesem Thema… viele viele Diskussionen und einige gelesene Berichte haben mich allerdings ins Grübeln gebracht. Hier ein paar Fragen, die ich mir während meiner „Meinungsbildungsphase“ gestellt habe: Wir Frauen reklamieren Selbstbestimmtheit und sagen, wir sind gleich viel wert als Männer. Warum brauchen wir dann ein Gesetz statt das Problem einfach selbst in die Hand zu nehmen? Wie weit reicht eigentlich ungerechte Bezahlung in unserer Gesellschaft? Warum verdient eine Erzieherin weniger als eine Gymnasiallehrerin? Warum verdient die Gymnasiallehrerin in Baden-Württemberg 20% mehr als die in Berlin? Warum verdient ein Maurer weniger als ein Ingenieur? Warum verdienen Akademiker fast immer mehr als Nicht-Akademiker? Wer sagt, dass ein Studium mehr wert bzw. härter ist als „malochen ab 16 Jahren“? Warum sind Berufe im Bereich Pflege, Erziehung und Soziales, vergleichsweise gering entlohnt, obwohl sie eine der Säulen unserer Gesellschaft darstellen?

Ich begann, ganz grundsätzlich über Lohnungerechtigkeit nachzudenken und stellte dabei fest, dass darin weit mehr als die Diskriminierung eines einzelnen Geschlechts steckt. Dazu ein weiteres Beispiel meiner äußerst tragischen Karriere: Als junge engagierte Führungskraft verdiente ich damals die Hälfte meiner alten (Sorry), verschlafenen (Sorry), völlig demotivierten (Sorry) Mitarbeiterinnen. Auch nicht ganz fair, oder?

Die Intention des Gesetzes, durch mehr Transparenz Ungerechtigkeiten aufzudecken und damit Gehaltsverschiebungen zu bewirken, ist prinzipiell gut. Ich denke, die Beschränkung auf eine einzelne Gruppe ist dagegen nicht richtig. Ich stelle mir ein Entgeldtransparenzgesetz vor, dass über die Grenzen einzelner Gruppen und Branchen hinweg reicht. Und da stellt sich natürlich die (für heute letzte) Frage: Würde die Enttabuisierung des Themas Gehalt einfach nur eine weitere Neiddebatte auslösen oder aber eine gesunde Diskussion anregen, die langfristig für eine gerechtere Bezahlung in unserer Gesellschaft sorgt und wovon unserer Kinder profitieren könnten?

http://www.spiegel.de/karriere/gehaelter-in-schweden-maximale-transparenz-a-881340.html

http://www.sueddeutsche.de/politik/bundestagswahl-verdienen-frauen-prozent-weniger-als-maenner-1.3637920

https://www.iwkoeln.de/presse/pressemitteilungen/beitrag/beschaeftigungsperspektiven-von-frauen-nur-2-prozent-gehaltsunterschied-102500.html

https://www.bmfsfj.de/blob/118148/9664e31ddd126a9c8d39045e5b5a6849/entgelttransparenzgesetz-formular-fuer-beschaeftigte-nicht-tarifgebundener-oder-nicht-tarifanwendender-arbeitgeber-data.pdf

https://www.bmfsfj.de/blob/117322/cbecce81bb4ce80ad969176e3a6b8293/das-entgelttransparenzgesetz-informationen-zum-gesetz-zur-foerderung-der-entgelttransparenz-data.pdf

 

 

 

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By Jante
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