KINDERKOMMAZUKUNFT Was tun für die Zukunft unserer Kinder ?!

Offener Brief an alle Schulleitungen – auch an meine Eigene

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Vor einigen Wochen hat Jante in unserem Blog ein Thesenpapier der Frauenrechtsorganisation „Terre des Femmes“ zum Thema „Kinderkopftuch“ veröffentlicht.

https://kinderkommazukunft.de/das-kinderkopftuch

In diesem Zusammenhang bin ich auf einen Bericht der deutsch-türkischen Frauenrechtsaktivistin Necla Kelek gestoßen. Sie beklagt zum Beispiel, dass ihr als junges Mädchen die Teilnahme am Sportunterricht durch ihre Familie verboten wurde. Ihre Schule hatte sich damals nicht dafür eingesetzt, dass Necla Kelek wie alle anderen Mädchen und Jungs am Schulsport teilnehmen konnte. Dies geschah aus falsch verstandener Toleranz von Seiten der Schule, wie sie sagt. Ähnliches beschreibt Zana Ramadani1. Auch sie klagt die Toleranz gegenüber Diskriminierung von Mädchen mit muslimischem Migrationshintergrund an.

Das war für mich der Anlass, über die Situation muslimischer Mädchen an meiner Schule nachzudenken. Wird auch an meiner Schule die Diskriminierung muslimischer Mädchen auf Grund von falsch verstandener Toleranz geduldet oder sogar unterstützt?

Es wäre nachvollziehbar. Der Konflikt mit den Familien der betroffenen Mädchen könnte unter dem Deckmantel der Toleranz leicht umgangen werden. Und auch der Konflikt mit der Öffentlichkeit wäre vielleicht ein Grund. Welche Schule möchte schon gerne die Schlagzeilen in den lokalen Medien haben, dass sie sich nicht tolerant und offen gegenüber den Gepflogenheiten der muslimischen Familien zeigt? Welcher Lehrer scheut sich nicht vor dem Elterngespräch mit einem türkischen Vater, weil er eine Schülerin gefragt hat, ob sie ihre traditionelle muslimische Kleidung freiwillig trägt und sie dabei über die gesundheitlichen Folgen (Vitamin D-Mangel u.Ä.) aufgeklärt hat? Ich persönlich scheue mich auch vor dem Konflikt mit meiner eigenen Haltung: Ich sehe mich als Menschen, der andere Kulturen respektiert und deren Besonderheiten akzeptiert. Kann ich diese Haltung damit vereinbaren, Familien mit muslimischem Migrationshintergrund zu sagen, was gut für ihre Töchter ist? Und stelle ich damit nicht die Kultur, die mich geprägt hat, über die der muslimischen Familien?

Der österreichische Philosoph Karl Hopper spricht in diesem Zusammenhang vom Paradox der Toleranz. Uneingeschränkte Toleranz führe zum Verschwinden der Toleranz. Wenn eine tolerante Gesellschaftsordnung nicht bereit sei, sich gegen die Angriffe der Intoleranz zu verteidigen, dann würden die Toleranten vernichtet werden und die Toleranz mit ihnen.2

Ich frage mich jetzt, ob ich mir selbst den Vorwurf machen muss, Mädchen mit muslimischem Migrationshintergrund nicht ausreichend zu unterstützen. Schaffe ich ihnen wirklich den Schutzraum, der Schule sein soll? Wäre ich Ansprechpartner für ein Mädchen, das mit seiner Familie in Konflikt gerät? Oder eben nicht, weil es befürchten müsste, dass ich mich vor lauter Toleranz nicht für sie einsetzen würde? Trage ich also damit zum Verschwinden der Toleranz bei, wie Karl Hopper es formuliert hat?

Deshalb ein paar ganz konkrete Fragen an meine Schulleitung:

Wie reagieren wir als Schule auf die Situation, dass ein muslimisches Mädchen nicht am Sportunterricht bzw. am Schwimmunterricht teilnehmen darf und wie oft kommt dies bei uns vor?

Welche Haltung nimmt die Schule ein, wenn muslimischen Mädchen die Teilnahme am Schullandheim durch das Elternhaus verwehrt wird? Wie oft tritt dieser Fall ein?

Gibt es Gesprächsangebote an Mädchen, die eines Tages an der Schule mit Kopftuch erscheinen? Werden sie zum Beispiel gefragt, warum sie es tragen?

1Zana Ramadani: Die verschleierte Gefahr. 4. Auflage (2017) Europa Verlag. Berlin∙München∙Zürich∙Wien.

2Karl R. Popper: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde. 8. Auflage (2003). Tübingen. Zwei Bände. S. 524 und 575.

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By Dag
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