KINDERKOMMAZUKUNFT Was tun für die Zukunft unserer Kinder ?!

Schüler als Versuchskaninchen – Im deutschen Bildungssystem wird munter experimentiert

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Ein bisschen Hintergrundwissen bevor es losgeht: In den letzten ca. 10 Jahren wurden deutschen Grundschulen in erster Linie die folgenden drei Methoden verwendet, um Kindern Rechtschreibung beizubringen:

  • Systematischer Fibelansatz: Buchstaben und Wörter werden schrittweise und nach systematischen Vorgaben eingeführt. So haben wir und unsere Eltern und vermutlich noch ein paar weitere Generationen schreiben gelernt. Nicht neu, nicht innovativ, aber hat funktioniert.
  • Rechtschreibwerkstatt: Schüler bekommen Materialien, die sie selbstständig in individueller Reihenfolge und ohne zeitliche Vorgaben bearbeiten.
  • Lesen durch Schreiben: Schüler schreiben ab der ersten Klasse so, wie sie meinen, dass es richtig ist – oft bis zur dritten Klasse. Korrekturen sind in der Regel nicht vorgesehen.

An der Universität in Bonn hat ein Team von Wissenschaftlern unter der Leitung von Una Röhr-Sendlmeier untersucht, welche dieser drei Methoden zu den besten Ergebnissen bei den Rechtschreibfähigkeiten der Schüler führen.

Das zentrale Ergebnis: Schüler, die nach der Fibelmethode lernen, machen deutlich weniger Rechtschreibfehler als andere – und zwar unabhängig von der sozialen Herkunft und den Vorkenntnissen der Kinder1. Das Ergebnis an sich ist nicht so neu. Seit Jahren beklagen sich Eltern und auch Lehrer. Neu ist, wie deutlich die Ergebnisse der Studie sind und dass es tatsächlich eine umfassende wissenschaftliche Untersuchung gibt, die es auch noch geschafft hat, in Politik und Medien wahrgenommen zu werden.

Und da kommt jetzt der Punkt, bei dem ich anfing nachzudenken. Es werden also völlig neue didaktische Methoden eingeführt, die sich irgendwie gut anhören, und erst nach Jahren des Misserfolgs kommt mal jemand auf die Idee zu untersuchen, ob die neuen Methoden überhaupt funktionieren. So formuliert auch die Leiterin der Bonner Rechtschreibstudie: „Das Problem ist, dass in unserem Bildungssystem nicht überprüft werden muss, wie gut Lehrwerke wirken.“1

Das ist eigentlich völlig wahnsinnig. Eine neue Methode wird eingeführt und es wird nicht automatisch überprüft, ob die Schüler tatsächlich nachher mehr können. Es wäre so einfach: Man wählt drei Test-Schulen aus. Sie unterrichten nach der neuen Methode. An diesen Testschulen und drei weiteren Schulen, die nach der herkömmlichen Methode unterrichten, werden regelmäßig die gleichen Tests durchgeführt. Und schon weiß man, ob die neue Methode funktioniert und ob man sie dann flächendeckend einführt. So läuft es in der Praxis aber nicht. In Deutschland entscheidet jede Schule für sich, welche Methode sie gut findet. Versuchskaninchen, also Schüler, gibt’s ja genug. Wenn dann mal 10 Jahre lang die Methode schlecht war, kann man nix machen…

Ich schließe mich da übrigens mit ein. Ich denke daran, dass ich die letzten Jahre zusammen mit einem Kollegen viel Zeit investiert hab, um an unserer Schule „selbstorganisiertes Lernen“ im Mathematikunterricht einzuführen. Die Schüler sollen dabei lernen, sich selbst Zeitpläne und Lernziele zu erstellen, um sich so mathematische Inhalte möglichst eigenständig zu erarbeiten. Sie konnten dazu verschiedene Zugänge, eher praktisch oder wahlweise auch abstrakter, wählen. Sie können sich regelmäßig anhand von Tests selbst überprüfen. Ihre Lücken können sie dann mit für ihre Schwächen maßgeschneidertem Zusatzmaterial füllen. Die Schüler werden dadurch selbstständiger und kommen dann in der Oberstufe/ an der Uni/ im Berufsleben besser zurecht – so zumindest die Idee. Der Lehrer dient als Ansprechpartner und Lernbegleiter, macht aber nicht den althergebrachten, verpönten Frontalunterricht. Mein Kollege und ich haben wirklich unheimlich viel Zeit und auch Leidenschaft in diese Sache gesteckt. Aber ehrlich gesagt, ich bin keine Sekunde auf die Idee gekommen, zwei unserer vier Parallelklassen nach der neuen Methode zu unterrichten und die anderen beiden nicht. Man hätte alle vier Klassen vorher und nachher tbesten können und hätte doch zumindest Hinweise darauf gehabt, ob die Leistungen der Schüler sich verbessern oder wenigstens gleichbleiben. Klar haben wir die Sache mit einem Fragebogen evaluiert. Aber da standen Fragen drin, wie „Hast Du den Unterrichtsstoff verstanden?“ oder „Selbstorganisiertes Lernen würde ich mir öfter im Unterricht wünschen“ – trifft völlig zu, trifft zu, trifft eher nicht zu…

Ehrlich gesagt, bin ich im Nachhinein erschrocken über mich selbst. Nur weil Lehrer und Schüler sich bei einer Methode irgendwie gut fühlen, heißt das nicht, dass sich die Leistungen verbessern. Das „Gutfühlen“ ist natürlich auch wichtig, keine Frage. Natürlich ist es auch schwierig zu messen, ob die Schüler durch eine neue Methode selbstständiger oder sozial kompetenter werden. Aber ob die Schüler nachher besser rechnen oder rechtschreiben können, sollte doch dabei nicht zur Nebensache verblassen!

Schulen werden ständig evaluiert. Also wirklich ununterbrochen werden die Schulen, wir Lehrer und auch die Schüler von außen oder innen bewertet und evaluiert. Es gibt Ländervergleichstests zwischen den Bundesländern, es gibt die berühmten PISA-Studien usw. Wenn die schlecht sind, dann rufen alle nach Erneuerung. Die wird dann auch eingeführt. Aber ohne wirklich zu untersuchen, ob und welche Verbesserung die Neuerung gebracht hat. In allen Studien und Evaluationen geht es eigentlich nie gezielt um den Zusammenhang zwischen einer spezifischen Methode und der Leistung. Im Gegensatz zu vielen anderen Ländern ist dies im deutschen Schulsystem kein fest verankerter Automatismus.

Ich habe mir also für die Zukunft fest vorgenommen, die Bewertung des Zusammenhangs Methode – Leistung nicht allein meinem persönlichem Eindruck zu überlassen, sondern diesen Zusammenhang tatsächlich zu messen. Allen Eltern empfehle ich, wenn eine Schule oder ein Lehrer was total Tolles, Neues und Innovatives machen will, mal nachzufragen, ob denn vorgesehen ist, Leistungen vorher und nachher zu überprüfen.

1 http://www.spiegel.de/lebenundlernen/schule/rechtschreibung-lernen-expertin-beklagt-viel-leid-in-den-familien-a-1228573.html

 

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By Dag
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