KINDERKOMMAZUKUNFT Was tun für die Zukunft unserer Kinder ?!

Von Lebensschützern und Happy abortions…

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Am letzten Samstag fand in Berlin ‚Der Marsch für das Leben‘ statt. Mehrere tausend Menschen trafen sich dort und demonstrierten gegen Abtreibung. Der Schweigemarsch wurde von weniger schweigsamen Gegendemonstranten begleitet. Nicht ganz freiwillig begab ich mich zwischen die Fronten.

Meine Mutter war an diesem Wochenende zu Besuch. Sie reiste Donnerstagabend an und Sonntagfrüh wieder ab. Wenn man bedenkt, dass es immerhin 700km zu überwinden gilt, ist das sportlich. Aber sportlich sind die alljährlichen Besuche immer, wenn meine Mutter anrückt. Ihr straffes Rentenprogramm erlaubt einfach nicht mehr ‚Freizeit‘. Ach ja, zum Thema ‚Freizeit‘ – der eigentliche Grund für ihren Besuch waren nicht wir, sondern ein Tierärztekongress und eben diese Demonstration. Es war also klar, wenn ich Zeit mit ihr verbringen wollte, musste ich mich entscheiden: Begleite ich sie zu den Tierärzten ohne Grenzen oder geh ich mit demonstrieren?

Geh ich eben mit zum demonstrieren. Zum Thema Abtreibung habe ich ja auch meine Meinung, die ihr in meinem Artikel dazu lesen könnt. Kann nicht schaden, sich mal wieder ein bisschen damit zu befassen und Abtreibungsgegner und -befürwörter unter die Lupe zu nehmen.

Die Einführung ins Thema bot Alice Schwarzer am Donnerstagabend. Oder vielmehr die aktuelle Ausgabe ihres Magazins EMMA, dass ich nach der Veranstaltung (einer Lesung ihres wirklich sehr empfehlenswerten neuen Buches ‚Meine algerische Familie‘) erwarb. Alice Schwarzer kann man als Vordenkerin in Sachen Legalisierung von Abtreibung in Deutschland bezeichnen. In der EMMA sorgt sie sich um die neu entfachte Debatte und sieht darin ein Roll-back (ich übersetz‘ das so: eine Rolle rückwärts) in Sachen Frauenrechten.

Zuhause lese ich das Heft. Das hier bleibt hängen: Lebensschützer, Happy abortion, 96%.

Dazu jetzt mehr:

Lebensschützer. Eigentlich ein schöner Begriff. Wer würde sich nicht als Lebensschützer bezeichnen? Außer in Bezug auf Stechmücken. Die Bezeichnung ‚Lebensschützer‘ ist allerdings alles andere als positiv belegt. Darunter fallen ‚Fundis‘, Fanatiker, die sich notfalls mit Gewalt gegen Abtreibung einsetzen. Für das Leben wird auch gerne mal gemordert. Wie in den USA, wo seit den 1980er Jahren vier Ärzte und 7 MitarbeiterInnen von Abtreibungskliniken durch sogenannte Lebensschützer getötet wurden. Schlimm. Ich habe kein Verständnis für diese Extremen. Wie kann man sich nur so verrennen? Als ich das las, regte sich dann doch etwas Sorge in mir, zu dieser Demo zu gehen. Im Schulterschluss mit christlichen Fanatikern? Ich informierte mich über den Veranstalter, den Bundesverband Lebensrecht e.V.. Sie distanzieren sich zwar von den ‚Lebensschützern‘, dennoch gehen sie deutlich darüber hinaus, was ich persönlich als das richtige Maß erachte. Sie sprechen sich gegen Sterbehilfe, gegen Gentechnik, gegen die Pille danach – Für ein totales Abtreibungsverbot aus, egal aus welchen Gründen. Auch wenn ich diese Meinung nicht teile, man kann sagen, sie sind konsequent. Konsequent pro Leben. Kommen wir damit zu Happy abortions – dem aus meiner Sicht anderen Extrem: konsequent pro Frau. Im Artikel ‚Happy abortions‘ (Glückliche Abtreibung) geht es um die Twitter-Kampagne #shoutyourabortions. Frauen sind dazu aufgefordert, ihre persönlichen Erfahrungen mit Abtreibung zu teilen. Initiiert von Amelia Bonow, die über ihre eigene Abtreibung als glückliche Erfahrung spricht. Genau wie sie verbindet scheinbar laut Studien der Großteil der Frauen, die in ihrem Leben einen Schwangerschaftsabbruch vornehmen ließen, diesen mit einem positiven Gefühl im Sinne von Erleichterung, Glück, Hoffnung und Dankbarkeit. Happy birthday. Happy holiday. Happy meal. Aber doch nicht Happy abortion. Wenn ich mich auch ganz klar für das Recht auf Abtreibung ausspreche, das ist total daneben. Meiner Meinung nach auch viel zu extrem.

Ich beschließe, hinzugehen. Zur Demo. Vielleicht kann ich die Leute dann besser einschätzen. Meine Mutter denkt das gleiche und wir gehen zur Kundgebung am Hauptbahnhof. Mein vierjähriger Sohn will mit. Warum auch nicht, ist doch sehr passend.

Umringt von Menschen mit grünen Schildern, schaue ich und beobachte. Ich finde mich schon ziemlich mutig, aber nichts im Vergleich zu meiner Mutter. Die sucht das Gespräch. Sie konfrontiert Abtreibungsgegner mit ihren Zweifeln. Sie hören zu, lächeln und drücken ihr einen Flyer in die Hand. Dann geht sie zu den Gegendemonstranten. Die fangen an zu kreischen und sagen ‚Hau ab, Hau ab‘. Ein Punkt für die Menschen mit den grünen Schildern, würde ich sagen. In meiner Rolle als Beobachterin stelle ich fest, dass die Abtreibungsgegner nicht sonderlich extrem wirken: Familien, Alte, Junge (auffallend viele junge Frauen). Darunter auch viele Geistliche und ein paar Stiefmütterchen, die das Klischee der Kirchenmaus erfüllen.

Ich gehe an einen Stand und sehe lauter kleine Plastikfiguren ausliegen. Mein Sohn will unbedingt eine haben. Die kleine Plastikfigur ist ein Fötus in der 10.-12.Woche. Embryostellung, alle Gliedmaßen voll ausgebildet, Beine verschlungen, Daumen im Mund. Ein ‚Give-away‘ der besondern Art.

Nach der Kundgebung gehen wir. Meine Mutter wieder zurück zum Tierärztekongress und ich mit meinem Sohn zum Drachenfest aufs Tempelhofer Feld.

Wir liegen gemeinsam auf der Wiese und schauen den Drachen zu. Ich denke an die uneingeschränkte Konsequenz der Abtreibungsgegner und -befürwörter. Ich bin irgendwo dazwischen, mache wie wahrscheinlich der größte Anteil unserer Gesellschaft einen Spagat. Wir würden gerne für beides sein: Pro Leben und pro Selbstbestimmungsrecht der Frau. Geht das? Wahrscheinlich ist das naiv. Oder pragmatisch? FrauenrechtlerInnen würden mich jetzt sicher gerne hauen. Die andere Seite spricht vielleicht erst ein Gebet für mich und haut mich dann.

Bei allen berechtigten Kritikpunkten an der aktuellen Gesetzeslage, war ich bisher der Meinung, dass darin wahrscheinlich der einzig mögliche Kompromiss liegt und war insbesondere von der verpflichtenden Schwangerschaftskonfiktberatung überzeugt. Damit wären wir jetzt beim dritten Punkt:  96%. Alice Schwarzer schreibt, „96% aller Frauen in Deutschland treiben auch nach der Zwangsberatung ab“. Das ist sehr ernüchternd für mich. Ich frage mich, woran liegt das? Daran, dass die Frauen eh schon entschieden haben oder daran, dass die Beratung schlecht ist? In einem Artikel habe ich über Erfahrungsberichte von Frauen gelesen. Wenn man das so liest, dann schließt man eher auf Zweiteres.

Die Gesetzgebung schreibt vor, dass die Schwangerschaftskonfliktberatung neutral und zugleich pro werdendem Leben sein soll. Vielleicht macht dieser Widerspruch die Beratung so schwach. Würde die Erfolgsquote steigen, wenn die Beratung zu 100% pro werdendem Leben wäre, dafür aber freiwillig? Ich denke ja, denn der Bedarf einer Beratungsstelle mit qualifizierten, einfühlsamen Personal scheint da zu sein. Ganz unabhängig von verpflichtend oder freiwillig, muss von der Politik sichergestellt werden, dass in der Beratung individuelle Lösungen für die Sorgen der Frauen angeboten werden können. Zum Beispiel ausreichend finanzielle Unterstützung, Unterstützung bei der Suche nach einer größeren Wohnung oder auch psychologische Unterstützung. Auch wir als Gesellschaft sind gefragt, in dem wir Frauen, die ihr Kind zur Adoption freigeben, nicht stigmatisieren und ihnen ‚menschliches Versagen‘ attestieren.

Es ist jetzt kurz nach 9. Ich bin müde. Auf meinem Schreibtisch liegt der kleine Fötus. Mein Blick wandert immer wieder hin. Die Marketingkampagne ist gut, ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand noch abtreiben will, wenn er diese Plastikfigur in der Hand gehalten hat.

Daneben die EMMA und eine pink markierte Textzeile von der Gynäkologin Nora Szász, die auf die zunehmende Verschlechterung der medizinische Versorgung von Frauen, die einen Abbruch vornehmen lassen wollen, hinweist. „Ich würde mir wünschen, dass klar ist, dass Schwangerschaftsabbrüche zum Frauenleben dazugehören.“ Und fordert damit alle Ärzte auf, Schwangerschaftsabbrüche anzubieten und nicht aus ethischen Gründen zu verwehren.

In meinem nächsten Leben werde ich Schwangerschaftsabbruchberaterin. Einen sinnvolleren Job kann es doch nicht geben. Dieses Leben nutze ich noch, um Jens Spahn, unserem Gesundeitsminister, aufs Dach zu steigen – er soll sich für eine bessere Beratung einsetzen und bitteschön dafür sorgen, dass wir eine gute, flächendeckende medizinische Versorgung in Bezug auf Schwangerschaftsabbrüche in Deutschland haben. (Das kann er ruhig mal machen für mich, so oft wie ich schon für den die Lanze gebrochen habe.)

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By Jante
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